Hallo, Gast!
Registrieren


Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Entenhäuserdeutsch - Kalisotas Sprachen und ihre Geschichte
#1
Anmerkung: im Folgenden wird angenommen, dass die Stadt Entenhausen Hauptstadt des Flächenstaates Kalisota ist. Das Territorium des Letzteren entspricht ungefähr dem nördlichsten Viertel Kaliforniens; es grenzt neben dem (verkleinerten) Kalifornien somit auch an Oregon und Nevada.

Im Kanon des (von Italienern gezeichneten (!)) Lustigen Taschenbuchs wird Entenhausen als eine sich an der Westküste Nordamerikas befindende, aber architektonisch und kulturell eher dem deutschsprachig-zentraleuropäischen Raum zugehörige Stadt, sein (staatliches) Umland, insbesondere im Osten, als kultureller Übergangsraum zum "klassischen" Amerika dargestellt.

Somit wird impliziert, dass Entenhausen und der ihm unterstellte Staat, Kalisota, eine deutschsprachige Exklave innerhalb Angloamerikas ist, wobei Deutsch nicht nur, wie bei den Pennsylvaniadeutschen auf der anderen Seite des Kontinents, als mündlich-dialektale Umgangssprache, sondern auch als Hoch-, Schrift-, Literatur-, Amts- und Mediensprache fungiert. Höchstwahrscheinlich ist eine Mehrheit der Bevölkerung Kalisotas, abgesehen von den offensichtlich "rein" amerikanischen (weil die "Cowboykultur" pflegenden) Bewohnern der östlichen Wüste, zweisprachig, wobei Deutsch als Primärsprache fungiert. Auch die hügelige Region um den Wohnsitz Habakuks könnte englischsprachig sein, denn dieser und seine "Redneck-Gemeinschaft" scheinen Aussiedler aus den Südstaaten, oder aber Nachfahren von ihnen zu sein.

Comics, insbesondere die Lustigen Taschenbücher, stellen das Leben in Entenhausen wahrscheinlich gegenüber der "Realität" der Stadt fiktionalisiert dar; da sie als übersetzbar gelten (und zwecks Verbreitung in verschiedene Sprachen übersetzt werden), ist davon auszugehen, dass die Dialoge zur Verbesserung der Verständlichkeit stets in Hochsprache des Lesers abgefasst werden. Die Tatsache, dass die Sprache der Ducks in den Comics hochdeutsch ist, muss nicht unbedingt bedeuten, dass sie tatsächlich vollnormatives Hochdeutsch sprechen.

Über die Umgangssprache, über den Entenhäuser Dialekt (und die Dialekte anderer Teile Kalisotas, so etwa der Stadt Gänsburg), liefern Comics verständlicherweise keinerlei Informationen. Somit basiert ihre Rekonstruktion auf reiner Spekulation. Es ist jedoch sicher, dass das Entenhäuser Deutsch in Aussprache, Grammatik und Vokabular stark amerikanisiert, das Englisch Kalisotas dafür, wenn auch nicht so stark, germanisiert ist.


Analysieren wir zunächst den teils in Comics beschriebenen, teils von mir rekonstruierten wahrscheinlichen Geschichts- und Siedlungsablauf:


1.) 17.-18. Jh.: Besiedlung des Gumpenmündungsgebiets und Konstruktion eines Forts durch Deutsche, angeführt durch Emil und Erasmus Erpel

Sofern die Tiergestalt der Gebrüder Erpel vernachlässigt wird, können sie mittels einer genealogischen Suchmaschine leicht als Rheinländer oder Pfälzer identifiziert werden. Dies kann auf die gesamte Erstbesiedlungsgruppe ausgeweitet werden. Es ist eine Deckung mit der Herkunft der Vorfahren der Pennsylvaniadeutschen festzustellen; womöglich ist die erpelianische Urgemeinde um Fort Entenhausen herum eine abtrünnige Gruppe ebendieser Kolonisten, die ihren Weg nach Westen entgegen dem englischen Siedlungsverbot fortsetzt, bis sie die Westküste erreicht.

Die Siedler bringen westmittelfränkische Dialekte mit; diese vermischen sich im Verlaufe einer Generation zur Ursprache Entenhausens.


2.) 18. Jh.: Fort Entenhausen als englische Garnison

Im Barks-Kanon wird Entenhausen als zumindest zeitweilig der Unterbringung englischer Soldaten dienend dargestellt. Somit erfolgt kurz nach der ersten Besiedlung eine Übernahme durch die Briten. Es ist in Betracht zu ziehen, dass sich im Verlaufe eines graduellen Anwachsens des Festungsdorfes zu einer kolonialen Kleinstadt eine erste Vermischung zwischen Engländern und Deutschen erfolgt. In dieser Zeit stellt Entenhausen eine der westlichsten Vorposten der Europäer in Nordamerika dar. Mit der amerikanischen Revolution wird das Fort höchstwahrscheinlich geräumt; nur wenige Briten, die keine Familie in der Stadt besitzen, verbleiben und werden größtenteils von der noch fast rein westdeutschen Gemeinschaft assimiliert, während die meisten heimkehren oder sich in Kanada ansiedeln.

Die Deutschentenhausener wehren sich vehement - und erfolgreich - gegen die völlige Verdrängung ihrer Sprache; trotzdem übergehen in dieser Zeit erste englische Wörter ins Entenhäuserdeutsch.


3.) frühes 19. Jh.: Kampf um die Westküste

Fort Entenhausen steht mindestens einmal unter spanischer Belagerung, was auf das Vorhandensein spanischer (Ur-)Siedler im nordkalifornischen und Kalisotaer Raum hinweist. Nicht unwahrscheinlich ist, dass die Briten mehrmals Ansprüche auf die verlorene Stadt erheben und während des Britisch-Amerikanischen Krieges von Kanada her kommend in Kalisota einfallen. In dieser Zeit kommen erste Neusiedlungswellen; vor allem unter Deutschen, die aus Europa oder den deutschen Siedlungsgebieten in Pennsylvania kommen, ist die Stadt und ihr Umland populär. Noch ist Entenhausen ein kleiner Stadtstaat, doch ein nationales Gefühl beginnt, zu entstehen - spätestens nach dem Mexikanischen Krieg von 1846-1848 müssen sich seine Bewohner der Frage stellen, ob sie sich den Vereinigten Staaten von Amerika zugehörig fühlen.

Spanische, Französische und englische Ausdrücke, insbesondere aus der Trapperkultur, übergehen in die Sprache der Entenhausener. Dieser Einfluss ist wohl wahrscheinlich (noch) rein vokabularischer Art. Die gerade erst entstehende, teilweise schon des Hochdeutschen mächtige Schicht der Entenhausener Intellektuellen und Literaten kritisiert den fremden Einfluss und propagniert die Wahrung der Sprachreinheit.


4.) spätes 19. und frühes 20. Jh.: schnelles Wachstum und ethnische Durchmischung

Vom Kalifornischen Goldrausch geprägt, expandiert Entenhausen schnell im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur aus Europa, sondern auch vom Osten der USA kommend strömen Siedler an die Westküste; für eine kurze Zeit ist womöglich sogar die kulturelle Dominanz der Deutschen gefährdet. Es entflammen erste Konflikte zwischen den deutschen Alt- und Neusiedlern und den nichtdeutschen Siedlern. Eine schottische oder schottisch-irische Siedlungswelle, die schließlich auch Dagobert Duck in die Stadt führt, ist höchstwahrscheinlich. Entenhausen wird graduell zu einer nordamerikanischen Geschäftsstadt.

Es existieren womöglich für einige Zeit zwei separate Sprachkulturen - eine deutsche und eine englische - in Entenhausen; mit der Versiegung des kalifornischen Goldes ebbt der "englische" Siedlerstrom ab und das Deutsche nimmt wieder überhand. Amerikaner und Briten, die in Entenhausen verbleiben, assimilieren sich, bringen aber auch eine große Anzahl von Anglizismen in die nun "standartisierte" Sprache. Es entsteht ein Sprachgefälle zwischen dem Umland und dem städtischen Kernraum - während die Mehrheit der bäuerlichen Altsiedler ihre Mundart, die wohl zu diesem Zeitpunkt bereits Gemeinsamkeiten mit dem Pennsylvaniadeutschen aufweist, behält, eignen sich die Eliten der Hauptstadt das von wohlhabenden Neusiedlern mitgebrachte Hochdeutsch, während in der Mittel- und Arbeiterklasse eine auf dem alten Entenhäuserdeutschen, dem Hochdeutschen und den mitgebrachten Mundarten basierende Ausgleichssprache entsteht. Auch diese wird wahrscheinlich anglizisiert.


5.) Zeitgeschichte

Die letzte große Siedlungswelle trifft Entenhausen im Zweiten Weltkrieg - Kalisota, das mittlerweile zu einem vollwertigen Staat geworden ist, bleibt höchstwahrscheinlich neutral und wird wegen seiner deutschen Nationalität nicht von Japan attackiert. Es wird zum Zufluchtsort für Deutschamerikaner, die sich vor der Gefangennahme und Haft in "Internment Camps" fürchten; dies führt zu Spannungen mit den USA. Die Grenze wird für einige Jahre geschlossen, doch mit der Normalisierung der deutsch-amerikanischen Beziehungen endet auch der kalisotisch-amerikanische Zwist.

Staatseigene Rundfunk- und Fernsehprogramme entstehen. Mit dem Aufstieg der Satellitenkommunikation in den 1960er Jahren werden auch bundesdeutsche Medien empfangbar; Kalisota tritt auf Druck der USA der NATO bei und unterstützt die Bundesrepublik bei der Grenzsicherung mit kleinen Truppenkontingenten. Doch auch amerikanische Nachrichtensender erobern die Medienlandschaft Kalisotas; Englisch wird als landesweite Hilfssprache gefestigt und die Mehrheit der Bevölkerung wächst zweisprachig auf. Es erfolgt nun eine "Dreigliederung" der deutschen Sprache in drei Schichten statt - die der alten, rheinfränkischen, vor allem im Wortschatz englisch beeinflussten Mundarten des alten Entenhäuserdeutschen, die der stark, vor allem in der Grammatik englisch beeinflussten Ausgleichssprache und die der standardnahen Hochsprache.


Dieser kurzer geschichtlicher Umriss soll es uns nun ermöglichen, hier und in der Diskussion des Themas, die Sprachen Entenhausens ausführlich zu rekonstruieren.

Die sprachliche Divergenz ist so groß, dass sogar die akademische Hochsprache höchstwahrscheinlich einen erkennbaren, in seiner Intensität mit dem österreichischen vergleichbaren, Akzent besitzt. Das Hauptunterscheidungsmerkmal im Bereich des Wortschatzes ist wahrscheinlich die Tatsache, dass die Anglizismen wohl nicht "falscher" (wie "Handy"), sondern eher "echter" Natur sein werden, da sie in gewisser Weise auf der gleichberechtigten Vermischung des Deutschen und Englischen beruhen.

Ich habe eine kurze Liste möglicher Merkmale, die wahrscheinlich allen drei, aber zumindest den oberen zwei Sprachebenen gemeinsam sind, erstellt:

- retroflexes, "amerikanisches" /r/

- amerikanisierte Vokale ("i statt e", "äi statt a")

- amerikanisiertes, schnelles Sprachtempo

- "echte" Anglizismen oder wörtliche Übersetzungen statt Scheinanglizismen: "Cellphone" oder eingedeutscht "Zelltelefon" statt "Handy" (vgl. cellphone), "Projector" oder "Projektor" statt "Beamer" (vgl. digital projector), "Klassisches Automobil" oder "Klassikwagen" statt "Oldtimer" (vgl. classic car), "Übungsfahrrad" statt "Hometrainer" (exercise bicycle).

- zusätzliche, sämtlich "echte" Anglizismen, insbesondere im Bereich der Hilfswörter und phrasen - z.B. "ausdrehen" statt "ausgehen" (vgl. to turn out).

Diese Liste ist Gegenstand zur Erweiterung.


Ich bitte um rege und beitragsreiche Diskussion und Erörterung!
3 Orden
Zitieren
#2
Sehr interessanter Beitrag! Ein Teilaspekt ist mir noch eingefallen: Was grundsätzlich auffällt, ist, das die Sprache Entenhausens innerhalb der dargestellten Welt ja gleichsam den Status einer lingua franca einnimmt.

Teilweise sprechen auch die Angehörigen - zumindest die Häuptlinge, Weisen usw. - einer entfernten und oftmals recht isolierten Gesellschaft die Sprache der Entenhausener (bis hin zu Außerirdischen). Auf verwunderte Nachfrage, woher die Kenntnisse stammen, hört man hin- und wieder einen entrüsteten Ausspruch im Sinne von "denken sie etwa, wir seien ein ungebildetes Volk". Wenn man davon ausgeht, dass nicht alle fremden Zivilisationen à la Eckenhausen von einem Entenhausener Forscher bereist und belehrt wurden, stellt sich die Frage, woher diese profunden Kenntnisse der Entenhausener Alltagssprache stammen.

Man muss demnach wohl davon ausgehen, dass die Sprache Entenhausenes bereits vor dem 20. Jhd., wohl in der Kolonialzeit, in der Welt verbreitet wurde, und sich die durch die Fremdherrschaft/fremden Einflüsse vermittelten Sprachkenntnisse zumindest in der lokalen Oberschicht indigener Völker erhalten haben.
0 Orden
Zitieren
#3
Calisota ist aber keine souveräne Nation, sondern ein Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika.
0 Orden
Zitieren
#4
Calisota liegt - wenn schon - in einem "an Amerika erinnernden" Gebiet, und nicht in Amerika selbst.
0 Orden
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste
Zum korrekten Funktionieren dieser Seite werden Cookies benötigt. Durch die weitere Nutzung erklärst du dich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Weitere Informationen